Saatgut – die unterschätzte Macht

Die Wanderausstellung in der Stadtgärtnerei wird organisiert von der Public Eye Regionalgruppe Zürich und SWISSAID Zürich und ist noch bis 28.2.25 geöffnet. Umrahmt wird die Ausstellung von verschiedenen Anlässen. Mich hat die Diskussion um die Zukunft der Ernährung beschäftigt und so habe verschiedene Inputs vom heutigen Abend in der Stadtgärtnerei Zürich mitgebracht:

Es hat sich schon ein Netzwerk gebildet, was vor allem für die grossflächige Versorgung der Bevölkerung arbeitet. Der Weg von der 1. Züchtungsidee bis zum Konsumenten geht etwa 20 Jahre und hat mich sehr beeindruckt.

GZPK – Getreidezüchtung Peter Kunz beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit der Züchtung zukunftsfähiger Getreide und Hülsenfrüchte. Im Sommer kann man den Betrieb in Feldmeilen bei einer Zuchtgartenführung kennenlernen. Nur 15% ihres Budget werden durch Saatgutverkäufe finanziert. Der Bärenanteil v.a. durch Spenden und private Zuwendungen. Der Bund gibt keine Gelder für diese enorm wichtige, genfreie, die Vielfalt-erhaltende Züchtung. Warum geht es dann trotzdem weiter? Weil die Forschung bzw. Züchtung unabhängig ist und die Mitarbeiter also den sinnvollen Ergebnissen nachgehen und nicht denen, „wofür es Geld gibt“. Der Prozess der Grundlagenzüchtung geht 10-15 Jahre! Dann wird die Sorte im besten Fall zugelassen. Die Hürden dafür sind sehr hoch und nicht unbedingt nachhaltig. Zum Beispiel gibt es jetzt erst die Möglichkeit Biosaatgut auch unter Bio-Bedingungen zu bewerten und der Nährwert des Getreides wird noch nicht berücksichtigt.

Sativa in Rheinau und andere Betriebe vermehren das Zuchtgut von 10-15 kg auf 4000 kg. Damit kann beim Weizen eine Fläche von 16 ha bestellt werden. Dass heisst es braucht 2-4 Jahre Saatgutvermehrung, um die Mindestmenge an Saatgut zu produzieren, damit es überhaupt gehandelt werden kann.

Die zwei grössten Saatgut-Grosshändler in Schweiz (Ufa und Schweizer) übernehmen die Verteilung an die (Bio-)Bauern. Sativa vertreibt zwar auch Saatgut an Private und kleine Unternehmen, aber ihnen steht nicht die nötige die Logistik zur Verfügung, die es für den Grosshandel braucht.

Damit nun eine neue, vielversprechende Sorte auch angebaut wird, sollte sie es in die Sortenliste (eine Empfehlungsliste) von swisssem schaffen und die Bauern sollten frei von Anbauverträgen entscheiden können, welches Saatgut auf ihrem Land gedeiht. Zum Beispiel in Grüt bei Gossau werden auf dem Hof Rinderbrunnen (mit grossem Hofladen) Raps, Getreide, Hülsenfrüchte und diverse Spezialsorten angebaut. Das Anbau-Risiko liegt immer beim Bauern!!! Dazu kommen technische Herausforderungen, weil bei der maschinellen Ernte von Hülsenfrüchten und Spezialsorten schlicht die Erfahrung fehlt. Hier sind viel Pionierarbeit und neue Systeme gefragt.

Die nächste Hürde wartet beim Mahlen des Korns. In der Schweiz gibt es nur noch wenige Mühlen und die technischen Anforderungen an das geerntete Korn sind hoch.

Über die Verarbeitung entscheiden die zwei Grossverteiler in der Schweiz (Migros und Coop) mit ihren 4-5 Industrie-Bäckereien. Hier wird das meiste Brot in der Schweiz konsumierte Brot gebacken.

Erst jetzt kommt der Konsument in den Genuss einer neuen Zucht-Sorte!

Mein Fazit: Toll wäre es wenn, dieser Kreis auch regionaler und somit überschaubarer wird.

Zum Beispiel arbeitet Das Pure aus Wetzikon stellt erfolgreich Nischenprodukte her. Wir konnten heute Zukunft schmecken: Humus auf Basis von weissen Bohnen, Blatterbsen-Tempee, fermentierte Küttinger Rüebli und gelbe Randen, Veganese mit schwarzem Knoblauch. Das Pure verkauft inzwischen schweizweit. Und vom Bio Beck (Meyer?) haben wir feinste Dinkel-Foccacia, Emmer-, Dinkel- und Triticale-Brot verkostet. So lecker!!!

Liebe geht durch den Magen. Und was schmeckt hat Bestand. Und was wir lieben, verteidigen und erhalten wir.

Hintergrundinfo von heute:

Bioanbau und genfreie Samen erhalten die Vielfalt, sind widerstandsfähiger und passen sich an die sich ständig verändernden Umweltbedingungen besser an. Gentechnisch erschaffenes Saatgut ist hochgezüchtet, das heisst in der Vielfalt stark begrenzt und deshalb sehr anfällig für Krankheiten, Schädlinge und Umwelteinflüsse.

Auf uns warten in den nächsten Jahren grosse komplexe Herausforderungen, für die es keine linearen Lösungen gibt. Die Züchterteams müssen international zusammenarbeiten! Kein Land kann den Wandel hin zu einer nachhaltigen Ernährung und Landwirtschaft alleine schaffen! Es sind schon wunderbare Netzwerke intakt und sie dürfen weiter wachsen. Mir ist auch einmal mehr klar geworden, das die Wissenschaft und Forschung nicht alles für uns lösen kann, die Politik braucht es auch und schlussendlich uns als bewusste Konsumenten! Denn essen tun wir alle. Weisst du wo und unter welchen Bedingungen dein Essen produziert wird?

Das europäische Projekt „cousin“ in Spanien erforscht und kreuzt Wildsorten mit Zuchtsorten, um Krankheitsanfälligkeiten zu minimieren. Ich bin Saatguterhalterin für ProSpeciaRara und organisiere Dreschtage. Jeder hat seine Aufgabe in diesem Puzzle. Was ist dein Beitrag?